Sonntag, 26. August 2007

Küstenralley in Ecuador

Als ich im schwül-heißen Guayaquil im Südwesten Ecuadors ankam, hatte ich fast schon das Gefühl, daheim zu sein. Sowohl die offenen Menschen und das angenehme Klima haben mir doch am Ende in Chile sehr gefehlt. Daß es so große Mentalitäsunterschiede innerhalb Südamerikas gibt, hatte ich vorher nicht für möglich gehalten, aber Chilenen können definitiv nicht mit Ecuadorianern verglichen werden. Die Hafenstadt Guayaquil nicht so schäbig und heruntergekommen wie oftmals behauptet. Es wurde in den letzten Jahren viel in Straßen, Parks und Gebäudesanierung investiert und gerade die Flusspromenade erstrahlt heute in neuem Glanz. Hier sei aber erwähnt, daß ich von einem Besuch der Slums abgesehen habe, wie das die bekanntesten Reiseführer übereinstimmend empfehlen.

Nachdem ich zwei Tage Nacht- und Tagesleben etwas genauer unter die Lupe genommen hatte, fuhr ich weiter nach Playas, den Hausstrand der Guayaquilenos. Während meines Besuches fanden in diesem kleinen und etwas zersiedelten Stranddorf die Feierlichkeiten zum 18. Gründungstag der Provinz Guyas statt, den Bewohner und Besucher mit bunten Straßenzügen und Kundgebungen begingen. Da es jedoch meistens bedeckt war, ging es schon einen Tag später weiter nach Montanita, das im Reiseführer des Volker Feser als "pazifisches Goa für Low-Budget-Reisende" gepriesen wird. Günstige Preise sucht man allerdings ebenso vergeblich wie Clubs mit halbwegs brauchbarer Musik. Montanita ist an einer bewaldeten Bergkette gelegen und verfügt aus diesem Grund über ein eher tropisches Klima. Generell verfügt Ecuador nicht nur über eine für die kleine Fläche bemerkenswerte Anzahl unterschiedlicher Klimazonen, sondern auch der schnelle Wechsel derselben hat mich immer wieder in Staunen versetzt. Auf einer Strecke von nur 100 Kilometern wechseln Vegetaion, Temeratur und Luftfeuchte nicht selten mehrfach. Am letzten Tag erreichte uns die Nachricht eines Erdbebens der Stärke 7.7 vor der Küste von Peru, woraufhin die Behörden eine Tsunami-Warnung rausgegeben und wir uns in die Berge zurückgezogen haben. Für uns war das falscher Alarm, wie sich später herausstellte; in Peru kostete das Erdbeben .jedoch tragischerweise etliche Menschenleben.

Aufgrund des anhaltend schlechten Wetters entschied ich mich zur Vorgezogenen Weiterreise nach Puerto Lopez. Während schon bei der Anfahrt nach Montanita der Fahrkartenverkäufer während der Fahrt aus unerklärlichen Gründen einen Stofflumpen ins Getriebe gestopft hatte, hielt der Bus nach Puerto Lopez auf offener Strecke an und die drei Besatzungsmitglieder machten sich mit einem viel zu kleinen Achtkantschlüssel am rechten Vorderrad zu schaffen, welches fortan unter besonderer Beobachtung durch einen der Fahrkartenverkäufer stand. Dabei kommt es einem schlechten Scherz gleich, daß auf fast allen Bussen ein Mercedesstern oder ein VW-Logo prangt. Die Walbesichtigung, für die Puerto Lopez bekannt ist (und für sonst auch zu Recht nichts), erfüllte all die spektakulären Ankündigungen des Reisebüros. Die 13 (Männchen) bis 15 (Weibchen) Meter langen Buckelwale wuchten sich in der Balzzeit aus dem Wasser, schnauben aus ihrem Luftloch und plantschen mit Seiten- und Schwanzflosse. Nicht selten sind sie dabei im Paarlauf unterwegs, und ein besonders kräftiges Exemplar konnte ca. 80% seines gesamten Körpers aus dem Wasser stemmen, um sich daraufhin mit lautem Rauschen nach hinten überzuwerfen. Ein sehr neugieriges Päärchen tauchte 5 Meter entfernt vom Boot auf und dann unter diesem hindurch. Komisches Gefühl, hätten diese sanften Riesen doch unsere Nußschale problemlos umwerfen können. Zum Abschied hat uns einer der Meeressäuger mit seiner aus dem Wasser ragenden Schwanzflosse hinterhergewunken.

Meine nächste Station war das eine Busstunde nördlich und in einer trockeneren Klimazone gelegene Manta, so daß ich noch ein paar Tage Strand und Sonne genießen konnte, bevor die Übernachtfahrt nach Quito anstand. Bei meinem ersten Besuch konnte ich weder auf den Teleferico (eine Seilbahn auf 4100 Meter), noch das Mitad del Mundo, das bekannte Äquatordenkmal besuchen. Das holte ich zusammen mit einem Engländer und zwei Australiern nach. Letztere übertrafen sich gegenseitig um Nasenlängen bei der Nasenlänge. Ich habe mir außerdem noch ein Spiel der nationalen Liga A angetan, was ich bitter bereuen sollte: selbst die Presse berichtete am nächsten Tag von dem langweiligsten Spiel seit langem. Vor nicht einmal 7000 Zuschauern bei Nieselregen schoben sich die beiden quitoer Vereine Nacional und Deporte den Ball hin und her. Mein Highlight des Tages hatte ich jedoch schon vor dem Spiel. Ich durfte nämlich einem Reporter von CanalUno, der aussah und dick war wie Diego Maradonna, ein Interview geben. Leider hatte ich am Abend keine Gelegenheit zum Fernsehen.

Von Quito aus bin ich am Montag zu einer Dschungeltour in das Cuyabeno-Naurschutzgebiet aufgebrochen. Warum die Ölkonzerne hier Rückstände aus der Förderung in die Gewässer leiten dürfen, bleibt jedoch ein Geheimnis der als ziemlich korrupt bekannten Regierung Ecuadors. In den vier Tagen sahen wir jede Menge Tiere, einige aus nächster Nähe. Vor allem die Begegnungen mit einer ca. 5 Meter langen Anachonda und einem über 6 Meter langen Schwarzcayman waren etwas ganz besonderes. Beide hatten eine Größe, mit der sie keine natürlichen Feinde mehr fürchten müssen. Dementsprechend gelassen verblieben sie an Ort und Stelle, als wir uns Ihnen jeweils bis auf wenige Zentimeter näherten. Aber auch die Affenmassen (vor allem Kapuziner-, Totenkopf- und Springaffen), im Baum schafende Ameisenbären und jede Menge exotische Vögel und Schmetterlinge sind für das mitteleuropäische Auge nicht alltäglich. Bei einem Nachtrundgang konnten wir Vogel- und Wolfspinnen, Giftfrösche und Minischildkröten, bei einer Angeltour Hundfisch, Katzenfisch, Rote Piranhas und den Gelbrückengarcique beobachten.

Donnerstag, 2. August 2007

Gemeinheiten in Chile

San Pedro de Atamacama
Über den in totaler Einsamkeit gelegenen Grenzposten ging es nach San Pedro de Atacama, jedem Gringoparadies in der Wüste im Norden Chiles. Aus unbekannten Gründen funktionieren hier nicht die gängigen Gesetzte der Märkte, was an den unnatürlich hohen Preisen zu erkennen ist. Kaum angekommen, beschäftigten sich die meisten, mit denen ich gesprochen hatte, schon wieder damit, wie sie schnell wieder verschwinden können. Problematische Angelegenheit, da viele Busse aufgrund öffentlicher Ferien in Chile für mehrere Tage ausgebucht waren. San Pedro erinnert aufgrund der niedrigen Häuser und staubigen Straßen ein wenig an Mexiko. Nachts ist nicht viel geboten, da man die Idylle mit der Einführung von Sperrstunde und Diskoverboten zu erhalten versucht. Mehr als einen halbtägigen Ausflug in die Wüste mit anschließendem Weinumtrunk im Sonnenuntergang haben Murray, Warwick und ich dann auch nicht hinbekommen. Achja, und wir wären fast aus unserem Hotel geschmissen worden; keiner konnte sich jedoch an den genauen Grund erinnern. Nach drei mehr oder weniger langweiligen Tagen fuhr ich nach Calama, dem nächstgelegenen Flughafen, wo ich eine Nacht verbrachte. Außer Bergarbeitern und Prostituierten gab es auch nicht viel zu sehen. Calama verfügt über die größte Tagebaumine der Welt.

Santiago
Mein Flug nach Santiago tags dra
uf verlief ohne Zwischenfall und mit beim Anblick der 1998 von französichen Ingenieuren fertiggestellten Metro, die locker mit dem ÖPNV in Deutschland mithalten kann, wurde ich fast etwas neidisch. Überhaupt erinnert das ganze Straßenbild (Autos, Busse, Straßen- und Gebäudezustand; Kleidung, Haut-, Augen und Haarfarbe der Chilenen) mehr an Spanien als bspw. an Bolivien oder Peru. Leider fehlt den Bewohnern auch die freundliche Offenheit, die mich auf meiner bisherigen Reise immer so beeindruckt hatte. Ich mietete mich in einem Hostal ein, das von 2 bis 6 Uhr zusperrt und dessen Herbergsmutter das Zimmer betritt ohne zu klopfen während man schläft. Grund genug mir etwas neues zu suchen. Mein erster Clubbesuch im vielgelobten Nachtleben von Santiago endete desaströs. In einer unterklassigen Disko mit katastrophaler Musik trank ich mit ein paar Chilenen Bierchen. Gegen 3 Uhr wollten sie mir noch etwas vom Nachtleben zeigen, was sie mehr oder weniger auch taten indem sie mich in einer Seitenstrasse gewaltsam ausraubten. Immerhin konnte ich mein Bargeld verbergen, so daß sie mir lediglich mein (praktisch wertloses) Handy abgenommen haben. Zudem bin ich seitdem mit meinem Jeansloch im Stil der 80er unterwegs.

Valle Navado

Nach 2 Tagen Stadtbesichtigung war ich einen Tag beim Skifahren. Die Liftanlagen entsprechen westeuropäischem Standard von vor 20 Jahren (nur meist langsame Sessler, keine Gondeln), sind aber nicht schlecht. Preise bewegen sich auch auf einem stolzen Niveau: Ausrüstung, Transfer und Tagepass kosteten mich ca. 100 USD. Trotz trübem Wetter waren die Schnee- und Sichtverhältnisse gut als ich zum ersten Mal seit ca. 7 Jahren wieder auf Skiern stand.

Conecpción
Schon einen Tag später saß ich im Zug nach Conceptión, einem Städtchen im Süden Chiles, das
schon so manchem Altnazi oder -stasimitarbeiter Zuflucht gewährt haben dürfte. Natürlich gibt es auch viele freiwillige deutsche Immigranten in Chile, was vor allem die recht gute Backtradition begründet: hier gibt es leckeres Brot, hervorragende Konditorwaren und sogar Zwiebelkuchen, der hier auch so heißt. Klassiker wie Würstel in Blätterteig (Empanadas) sind hier fester Bestandteil meines Speiseplans. Das süße (!) Hühnchenomelette aus dem Ofen habe ich jedoch zur Verwunderung der anderen Restaurantgäste nach 2 Löffeln verschmäht. Die bittere Kälte des chilenischen Winters bekam ich auch hier zu spüren, zudem wurde meine Kamera, die ich erst in Ecuador gekauft hatte, aus meinem abgesperrten Zimmer entwendet. Richtig begeistern konnte mich Concepción also nicht, wenngleich es in der Nähe einen schönen Hafen und einige interessante Plätze gibt. Insofern werden Fotos in meinen weiteren Posts Mangelware sein - sorry.

Valparaíso und Vina Del Mar Die UNESCO Weltkulturerbestadt Valparaíso hat wirklich Charme, auch wenn man, wie ich, im Winter daherkommt. Sofern die Sonne scheint, ist es sogar einigermaßen warm und die vielen kleinen Häuschen, die in Architektur und Farbgebung alles Unikate sind, geben eine schöne Aussicht, wo immer man sich befindet. Sie ziehen sich entlang des ganzen Hanges, der die Meeresbucht umgibt. In dieser Bucht ankern Militärschiffe der Chilenischen Marine; in dieser malerischen Umgebung verlieren sie jedoch ihre Bedrohlichkeit fast vollständig. Man hat fast den Eindruck, sie ergötzen sich ebenfalls an der Idylle. Und die Kulisse bei einem Spaziergang entlang der Hochstraße Av. Aleman ändert sich aufgrund verschiedener Lichtverhälnisse ständig.
Das örtliche Gefängnis, das bis in
die 80er Jahre mit seiner eigentliche Bestimmung betrieben wurde, dient heute als Kultur- und Begegnungsstätte. Über das Gelände verstreute
Skulpturen der Kunststudenten (Valparaíso hat eine bedeutende Kunstfakultät) und Wandgemälde können nicht verhindern, daß einen im ehemaligen Hof für Freigänge und den Zellenanlagen etwas mulmig zumute ist. Diese emotionale Diskrepanz freilich ist nicht unbeabsichtigt, ist doch das Motte, aus altem das Neue zu schaffen.
Vino del Mar ist in wenigen Minuten bequem per Stadtbahn zu erreichen. Die Strandpromenade ist sehr schön, wenngleich die vielen modernen Hotels die Sicht auf die eigentliche Stadt versperren. Dennoch hat mich dieses Ausflugsziel für in- und ausländische Touristen inspiriert und so musste ich
gleich zwei Zeichnungen anfertigen. Nachdem ich in einem Schweizer Restaurant den halben Hotdog, der viel zu hoch aufgeladen war, auf dem Boden verteilt hatte, ging es auch schon wieder zurück nach Santiago.

Meine letzten beiden Tage verbrachte ich bei Nieselregen und eisiger Kälte mit einem Winzerei- und einem Stadionbesuch. Ich als Weissweinfan war zwar in der falschen Winzerei; im Vina Concha y Toro wird nur rote Traube angebaut. Die beiden servierten Weine waren trotzdem nicht schlecht (Casillero Del Diabolo und Don Melchor, vielleicht kennt sie jemand). Vor allem die Geschichte des Namen Casillero Del Diabolo (Regal des Te
ufels) ist interessant. Im 19 . Jahrhundert hatten Unbekannte Wein aus den Katakoben geklaut, so streute der Winzer das Gerücht, der Teufel lebe in den Gewölben. Der Schwund ging zurück, aber der Mythos blieb.
Der Fußball beim Spiel von Colo Colo gegen einen
bolivianischen Club war ebenso schlecht wie das Stadion und das Wetter. Dennoch sangen die knapp 10.000 Zuschauer ununterbrochen und wurden letztendlich mit dem Weiterkommen ihres Clubs belohnt. Aus Bolivien waren übrigens nur ca. 12 Zuschauer angereist.

PS: Einige Fotos hab ich mir von YouTube "ausgeliehen", da ich ja keine Kamera mehr habe.